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Der nachfolgende Text stammt von Adolf Clos aus Winterwerb. Dieser wurde 1896 in Pissighofen (heute Hainau) geboren und heiratete dann 1920 nach Winterwerb, wo er den Betrieb der Schwiegereltern übernahm. Gestorben ist Adolf Clos 1977, mit 81 Jahren.

Die Entwicklung der Dorfgeschichte Winterwerb

 

Wie Schüler von der Hauptschule Miehlen mir mitteilten, soll Winterwerb schon 1361 erwähnt worden sein. Die noch vorhandenen Aufzeichnungen (wo sind sie geblieben?) datieren aber vom 17. Jhdt. nach dem 30 jährigen Krieg. Damals gehörte die Dorfgemeinschaft (Dorfschaft Winterwerb) zur Grafschaft Katzenelnbogen.

Der erstgenannte Hof gehörte einem Freiherrn / Gutsherrn von Waldenburg. Dieser Hof wurde von einem Pächter namens Friesenhahn bewirtschaftet.

Außerdem hatte damals Freiherr von und zu Stein Besitz hier in Winterwerb. Denn wie die Chronik besagt, mussten die damaligen Bauern Frondienst an die Pfarrei Nassau-Waldenburg und an das Rentamt Freiherr von Stein leisten. Ferner musste das Zehnte (Pacht in Form von Naturalien) nach Nassau abgeführt werden.

Die Wegeverhältnisse müssen doch katastrophal gewesen sein, denn man schreibt, daß man bei einer Fuhre mit 50 Garben 2 Pferde oder 4 Ochsen als Zugkraft benötigt hat.

Ob nun der Ort, die damalige Dorfschaft Winterwerb, vor dem 30 jährigen Krieg an der heutigen Stelle gestanden hat kann zu anderen Meinungen führen, denn rechts von der Straße nach Dachsenhausen benennt sich der gesamte Lagekomplex Alt-Winterwerb . Zudem befanden sich vor der Zusammenlegung in einer Wiese die Überreste einer alten Bruchsteinmauer. Ob nun die Bewohner in den jetzigen Ort übergesiedelt sind, ist uns eine Annahme. Wie aus den Aufzeichnungen zu ersehen, hatte Winterwerb damals 20 Häuser mit 115 Einwohnern, davon waren 18 Ackersleute, 1 Leinenweber, und 1 Kuhhirt. Die Einwohnerzahl setzte sich zusammen aus 43 Verheirateten, 17 Söhne und Töchter, 5 Knechte und 7 Mägde. Der Gesamtbestand an Vieh: 4 Pferde, 50 Ochsen, 40 Kühe, 164 Schafe. Die Wasserversorgung: 8 eigene Brunnen und 4 sämtliche Brunnen. Die Schule und Pfarramt waren in Niederbachheim. Die Pfarrei mit dem Kirchspiel Oberbachheim, Niederbachheim, Kehlbach und Winterwerb besteht heute noch. Eine spätere Schule wurde von den beiden Gemeinden Oberbachheim und Winterwerb mit gleichem Anteil nach Oberbachheim gebaut.

Die Gemarkungsgröße umfasst 301 ha einschließlich der in der Gemarkung Gemmerich und Osterspai gelegenen Grundstücke, welche aber Eigentum von Winterwerb sind. Die 301 ha gliedern sich auf in 200 ha Acker und Wiesen und 101 ha Wald. Der Flurbereich innerhalb der Gemarkung Winterwerb wurde in den Jahren 1880 bis 1890 konsolidiert, versteint und mit Flurgewannwegen versehen. Die einzelnen Parzellen hatten bei Äckern eine Durchschnittsgröße von 50 Ruten (1/8 ha) und bei Wiesen 15 bis 20 Ruten. Anders, ja ich möchte sagen, vorsintflutlich war der Flurbezirk in den Gemarkungen von Gemmerich und Osterspai. Da gab es keinen Gewannweg, keine Versteinung, die Äcker schlüsselten ineinander, so daß man von einermzusammenhängenden Gewann nicht sprechen konnte. Die einzelnen Äcker hatten eine Durchschnittsgröße von 20 bis 35 Ruten, und Wiesen gab es von 4 bis 30 Ruten.

Wir hatten damals bis zur Zusammenlegung in unserem 15 ha großen Betrieb ca. 150 Einzelparzellen zu bewirtschaften, obwohl wir 7 Parzellen von 100 bis 150 Ruten hatten.

Um diesem nicht mehr vertretbaren Wirrwarr zu begegnen, beschloß man 1956/57 die Zusammenlegung. Wir hätten gerne das klassische Verfahren durchgeführt, aber wegen der damaligen überhängenden (??) Umlegungen und Arbeitskräftemangel beim Kulturamt Koblenz wurde die Umlegung im Schnellverfahren vollzogen. Dabei beteiltigen sich auch die Gemeinden Ober- und Niederbachheim, da durch das gemeinschaftliche Verfahren der drei Gemeinden die Grundstücke der Besitzer in ihre wohnhafte Gemeinde verlegt werden konnte, welche vordem durch die kleinparzellierten Grundstücke und weite Wegstrecken eine immense Zeitverschwendung ergab. Vor der Zusammenlegung wurde für den ha 40 bis 60 DM bezahlt und heute (die Aufzeichnungen stammen von ca. 1972) kostet der Hektar 120 bis 160 DM. Nachdem die Bodenuntersuchung und Klassifizierung der Äcker und Wiesen durchgeführt war, machte die Zusammenlegung in hiesiger Gemarkung keine Schwierigkeiten. Es gab genug Feldwege, so daß die Parzellen von zwei zusammenstoßenden Gewannen zusammengelegt wurden . somit ist an jedem Ende ein Feldweg. Anders war es bei den Grundstücken in der Gemarkung Gemmerich und Osterspai. Hier mußten zwei neue Feldwege angelegt und die Parzellen vermessen und versteint werden. Einen beachtlichen Aufwand gab es bei der Regulierung des Bachbettes und der Drainageverlegung.

Jetzt haben wir 7 Ackerparzellen und 3 Wiesen als Eigentümer.

Der Ort Winterwerb hat sich gegenüber früher nicht viel vergrößert. Heute sind es 28 Häuser, einschließlich der 2 Aussiedlergehöfte. Im geschlossenen Ortsteil befinden sich 26 Häuser, von denen zwei von Ostflüchtlingen und ein Haus von einem von der Ostzone stammenden eingeheirateten Mann namens Wiegand erbaut wurde. Von diesen 28 Hausbewohnern einschließlich Siedlern sind 15 im Hauptberuf Landwirte und 13 Handwerker bzw. Arbeiter.

Durch die Maßnahmen der Reform und EWG ist die Landwirtschaft am schlimmsten betroffen. Entweder muß sich der Betrieb vergrößern, um existenzfähig zu bleiben oder muß aufgeben und der Betriebsführer einen anderen Beruf ergreifen.

Es war bis 1970 keine Möglichkeit, hier einen Acker oder Wiese zu bekommen. Daher haben jetzt schon verschiedene Landwirte in Nachbargemeinden, wo Betriebe aufgehört haben, Feld gepachtet. Auch wir haben bis jetzt 3,25 ha dazugepachtet und werden in diesem Jahr zu Martini 1972 von unserem Nachbarn, welcher auch seinen Betrieb aufgibt, ca 5 ha hinzubekommen.

Unser Hausnahme "Heyers" und auch die Benennung des Betriebes beim Erbhof und auch bei der Eintragung in die Höferolle ist mit "Heyers Hof" benannt. Dieser Heyer muß nach den vorhandenen Aufzeichnungen (die leider jetzt wohl nicht mehr vorhanden sind) im 17 Jhdt der Gründer von unserem Betrieb gewesen sein. Nach den Ermittlungen aus der alten Dorfchronik müsste aber die erste Hofstelle von Heyer oder auch dessen Vater gegenüber unserer heutigen Hofreite auf der anderen Seite der Straße gestanden haben. Denn man schreibt damals, wo heute sich unsere Gebäude befinden von einem auf der anderen Seite gelegenen Bauplatz zwischen den Nebenliegern Bonn und einem Weg (Kreuzung). So sagt man heute noch zu unseren Nachbarn "Bonne".Auf diesem erwähnten Bauplatz baute nun der Ackersmann Johann Jafeth Sommer, der eine Tochter von Heyers geheiratet hatte, ein Haus und Scheune mit eingebauten Stallungen.

Private Erlebnisse und Erinnerungen

1911 brannte das Backhaus durch Blitzschlag ab. Mein Großvater und ich standen am Fenster, bei dem Krach fuhren wir beide zurück. Unser Zimmer war hell erleuchtet und schon schlugen die Flammen aus dem Backesturm heraus. Obwohl kein brennbares Material dort war, brannten die Eichenbalken wie Streichhölzer. Die Feuerwehr musste darauf achten, daß der Turm in sich zusammen brannte und nicht umstürzte, sonst wären die Nachbargebäude von Metz (?) und Wiegand (?) mitverbrannt.

1914, wo die Reservisten in den Krieg mussten, haben wir mit 4 Mann, welche 1914 noch nicht fort mussten, denjenigen Betrieben bei der Ernte und beim Dreschen geholfen. Da gab es keinen Achtstundentag, sondern wir arbeiteten bis spät in die Nacht hinein. Im Sommer 1914, in der Erntezeit, mussten wir unser einziges Pferd, einen schwerer Belgier, abgeben. Ich führte es nach St. Goarshausen, dort bekamen die Pferde einen Hufbrand und wurden von den gedienten Landsturmmännern nach Koblenz gebracht. Dieses Pferd war das beste und folgsamste Arbeitspferd, welches ich je in den Fingern hatte, aber auch das beängstigste, das vor jedem weißen Tuch scheute.

So kam nun der Herbst 1914, die Stoppeln sollten umgepflügt, die ganze Arbeit drängte und wir hatten keine Fuhre, nur ein paar Ochsen, welche nichts taugten. Da besorgte uns von Gemmerich der Pferdejude Moses vom Hunsrück ein krankes, aber liebes Pferdchen. Nach 14 Tagen hatte ich seine Wunden an den Knien geheilt, die ihm ein Rohling zugefügt hatte. Obwohl der kleine Kerl noch nie vor einen Pflug gespannt war, hatte er das Ackern schnell begriffen und am Wagen hat er mehr gezogen wie die Ochsen. Ich denke heute noch daran, wie ich mein Fanny streichelte, wie ich einrücken musste, denn von einem braven Tier konnte man sich nicht so leicht trennen wie heute von einer leblosen Maschine.

Im 19. Jhdt wurde anfangs z.B. das Getreide noch mit der Sichel abgemäht. Später von meinem Großvater bis nach dem ersten Weltkrieg wurde dann das Getreide mit dem Sprossenreff gemäht. Das Sommergetreide wurde nicht gleich eingebunden, sondern auf Schwaden mit dem Reff abgeworfen, welches eine schwere und geübte Männerarbeit gewesen war. Bei ungünstigem Wetter mussten die Schwaden mehrmals mit Stangen gewendet werden. Wenn der Hafer oder die Gerste trocken genug waren, wurden die Schwaden mit dem Rechen auf sogenannte (?, kleine Haufen) zusammengerecht. Nachmittags wurden sie dann in ein Strohseil eingebunden und 10 Garben auf einen Haufen gelegt. Sechs Haufen waren ein Fuder. An einem Nachmittag wurden dann mit vier Mann cirka 7 – 8 Fuder gebunden. Dann wurde eingefahren, so daß die beiden letzten Wagen je nach der Entfernung bei Licht mit der Sturmlaterne geholt wurden. Aber so mußte gearbeitet werden, denn das Getreide wurde im Winter mit Flegel gedroschen und mußte richtig trocken sein.

So hörte man dann im Winter am frühen Morgen an jeder Scheune den dreier Schlag: Fuchs (?), Platt, Klopp oder den vierer Schlag: 1, 2, 3, 4. Das abgedroschene Getreide wurde dann mit einer Wanne oder Sieb gereinigt. So um die Mitte des 19. Jhdt. kamen dann die Handwindmühlen, Handdreschmaschinen und Göbeldreschmaschinen. Letztere wurden von Pferden oder Ochsen gezogen.

Zu diesen winterlichen Arbeiten kam für die Männer das Strohseil knüpfen noch dazu. Dabei wurde schönes Flegelstroh verwandt, damit die Ähren schön eingedreht wurden. Wer geübt und flink war, hat in einer Stunde 60 Seile oder ein Fuder gemacht. (?) damals gaben und schon die Bauern noch etwas auf die Korrektheit der Arbeit.

Ferner mußte das Holz 4 – 5 Klafter (16 – 20 Raummeter) auf Sägebock mit der Handsäge geschnitten und klein gehackt werden. Die selbst gewonnenen oder gekauften Buchenreisser wurden zu kleinen Bündeln ge(?) und in die alten vom Dreschen übrig gebliebenen Strohseile eingebunden. Alle dies Arbeiten mußte ich auch machen.

Die Frauen und Mägde haben im Winter nach ihren alltäglichen Hausarbeiten gestrickt, gehäkelt und gesponnen. Abends kamen dann die Mädchen mit (?) in den Spinnstuben zusammen. Hier ging es dann, genauso wie im Herbst beim Birnengelee kochen, bei froher Gesellschaft lustig zu, und auch manches Liebespärchen hat hier den späteren Ehepartner gefunden.

Die Bauern, auch mein  Schwiegervater, haben dann im Winter am Webstuhl gesessen und das Leinen gewebt. Dieses Tuch wurde dann im Frühjahr auf der Wiese beim (?), die heute noch den Namen "Bleichwiesen" haben, gebleicht. Die einzelnen gewebten Stücke, 10 – 15  Ellen (eine Elle 60 cm) lang, wurden dann zuerst im Kessel unter Zusatz von Asche (denn Seifenpulver kannte man damals nicht) gekocht. Dann wurden die Stücke auf der Wiese ausgebreitet und begossen. Diese Vorgänge wiederholten sich solange, bis das Stück blütenweiß war.

Aus all diesen nur wenig angedeuteten Arbeitsvorgängen kann man ersehen, daß 4 – 6 Arbeitskräfte bei viel schwerer Arbeit in einem Betrieb von 10 – 15 ha jahraus – jahrein mehr ausgelastet waren als heute 2 Ak in einem Betrieb von 20 ha.

Bei all dem vorher geschilderten Arbeiten bekam der Knecht, welcher alle vorkommenden Arbeiten verrichten konnte, cirka 100 – 300 Reichsmark im Jahr und doppeltes Zubehör; das bestand je nach Vereinbarung aus 1 – 2 Paar Schuhe, 2 Hosen und Jacken, sowie einem Hemd.

Die Mägde bekamen cirka 60 Taler das Jahr, und wenn sie spinnen konnten, zum Zubehör noch etliches Leinentuch für ihre spätere Aussteuer. Denn noch zu meiner Zeit wurde bei dem Heiraten, ob Mädchen oder Jungen, bei der Aussteuer auf die Mitgabe von Leinen großes Gewicht gelegt.

Heute kann man sich kaum mehr eine Vorstellung davon machen, wie früher die Arbeit mit dem zur Verfügung stehenden Gerät geschafft wurde. Ein großer Holzwagen mit Kasten und Ernteleitern, ein kleiner Wagen, ein Spitz- oder Wendepflug, ein Schaufelpflug und eine Holzegge bestehend aus 4 Eichenbalken und 32 Zinken. Der vorhandene Dünger musste alle von Hand gestreut werden.

Bei der Heuernte wurde von morgens 5:00 Uhr früh bis 11:00 Uhr gemäht; und von Hand ausgespreitet(?). Anschließend wurde gewendet, zusammengerecht und eingefahren. Dieselben Arbeitsgänge wie auch heute, bloß mit dem Unterschied, daß alles von Hand gemacht werden mußte.

Doch nun zurück auf meine Erinnerung auf persönlichem und wirtschaftlichem Gebiet.

1908 fuhr ich mit meinem Vater nach Frankfurt und wir kauften dort bei der Firma Cöhn(?) einen Benzinmotor zum Antrieb der Dreschmaschine und der Schrotmühle. Ein paar Jahre später hat dann auch mein zukünftiger Schwiegervater einen Benzinmotor gekauft. In den Jahren 1913 – 14 wurden dann die elektrischen Stromleitungen gebaut und die Gemeinden bekamen anschließend Licht.

In den Kriegsjahren von 1914-18 kann ich von zu Hause weiter nichts berichten, als daß mein Vater 2000 Mark Goldpfandbriefe aufKriegsanleihen umschreiben ließ, welche später nicht mehr aufgewertet wurden und verloren waren. Dies war eine große Schweinerei des Staates, ein Versprechen, welches nicht eingelöst wurde.

Denn es kam die Armeeparole, daß diejenigen bevorzugt in Urlaub fahren würden, welche Kriegsanleihen zeichneten. Nach dieser Aufforderung schrieb ich nach Hause, aber der versprochene Urlaub blieb aus.

In Pissighofen hatten wir Engländer und Franzosen als Kriegsgefangene. Als der Krieg 1918 zu Ende war bekamen wir französische Besatzung. Wir hatten z.B. 2 Uffz, 2 Mann, 1 (?) Pferde vom Cornell (Oberst) im Stall und 8 Pferde auf der Scheunentenne und die Feldküche im Hof. Aber unsere Franzhosen waren nicht fanatisch, wir bekamen Kaffee und sonstige Kleinigkeiten von ihnen. Bei der heuernte führten sie die Pferde aus der Tenne, damit wir einfahren konnten.

Das Gegentgeil war bei Schmieds(?), da kamm immer der alte Jakob zu mir, damit ich bei seinem Uffz sprach, (?) daß ihre Franzosen die Pferde aus der Scheune nehmen.

Während der Besatzungszeit war Ausgangssperre bis 20:00 ohne Ausweis verhängt. Nach 20:00 Uhr bekam man nur in besonderen Fällen einen ausgestellt. Der Oberst , welche oft zu uns kam wegen der Pferde, hatte mir einen (?)-Ausweis angeboten, weil er von seinem Hauptmann in Winterwerb gehört hatte, daß ich dort meine Braut hätte.

Nun zum personellen und wirtschftlichen Jahresablauf

Das Jahr 1921 war eines der trockensten und dürrsten Jahre, die ich erlebt habe. Den Klee hätte man alle mit der Schubkarre heinfahren können und in den Wiesen war meistens nichts, als wie paar Eierblumen. So strippten wir denn Eichenlaub. Wir Jüngeren stiegen auf die Bäume und schnitten die Äste ab und die älteren stopften das Laub in Säcke. Es mußte ein guter Waldbestand sein, wenn man mit zwei Mann im halben Tag 4 – 6 Säcke voll haben wollte! – Das Laub war zuckersüß, denn es war ein Honigtau gefallen, das Vieh frass es gern, lieber als das Gras und es fütterte auch gut.

Der Viehbestand war auch nicht so groß wie heute. Wir hatten damals 1. Pferd, 2 paar Ochsen, 4 – 5 Kühe, 3 – 4 Rinder oder kastrierte Bullen und 2 – 5 Kälber. Als Kleinvieh hatten wir, solange noch ein Schäfer da war, cirka 10 – 14 Stück Schafe. Schweine konnten wir in den alten Schweineställen höchstens 10 Stück halten.

Die Fahrochsen wurden meistens auf den Hunsrück-Märkten oder durch jüdische Händler gekauft, je nach Qualität und Gewicht das Paar für 200 – 250 Taler = 600 – 750 DM.

Die fetten Ochsen verkauften wir meistens an Metzger in Bad Ems.

Die von den Kühen gewonnene Milch wurde verbuttert und die Butter, welche man nicht im Haushalt verbrauchte, von den Butter und Eierhändlern aus Dahlheim abgeholt.

Nach dem ersten Weltkrieg bis zum Schluß des zweiten Weltkriegs war das fette Rindfleisch 2 – 3 (?, Währungssymbol) (?) zu Lebendgewicht, im Gegensatz von heute teurer als das eines Bullen. In dieser Zeit bewegten sich die Preise für geschlachtetes Rindfleisch von 60 – 80 "Symbol" das Pfund.

Die kleinen 6 – 8 wöchentlichen (?) Ferkel wurden in den 20ziger – Anfangs 30ziger Jahren bis 16 Mark verkauft. Wesentlich teurer waren um die Jahrhundertwende und Anfangs des 20.ten Jahrhunderts die Pferde, die Preise lagen je nach Schwere von 800 – 1300 Mark.

Ich kaufte z. B. im Okt. 1927 ein mittelschweres, doppelspänniges Pferd für 1230 Reichsmark und 1 Sack Roggen. In derselben Zeit kaufte ich ein schwarzbuntes Rind für 625 Reichsmark.

Bis 1927 bewirtschafteten wir die kleinen Parzellen mit einem Pferd und einem Paar Fahrochsen. Bis 1920 kannte man an Kunstdünger nur Knochenmehl, Thomasmehl und Kali.

Die Ernteerträge lagen bei Roggen und Weizen bei cirka 8 – 12 ztr je viertel ha. Roggen wurde nicht verkauft. Der Weizen kostete der Sack 160 Pfund (?) Durchschnitt 16 Mark. Kartoffeln wurden nur für den eigenen Bedarf angebaut. Kartoffeln und Rüben wurden mit dem Einscharpflug gepflanzt. Hafer und Gerste wurden auch im eigenen Betrieb verbraucht. Die Spreu vom Getreide und den anfallenden Heusamen wurde im Winter gekocht und mit Roggen oder Wz Kleie zu einer Tränke vermischt. Die Weizenkleie kostete den Ztr 4,50 – 5 RM und Roggenkleie 3 – 3,60 RM Es wurde zur Ölgewinnung jedes Jahr Raps oder Rüben angebaut und der Ölkuchen auch verfüttert. Dann wurde alle paar Jahre Flachs angebaut und der gewonnene Leinsamen wurde hauptsächlich an die Kälber verfüttert.

In den letzten fünfzig Jahren sind durch die immer fortschreitende technische Entwicklung in der gesamten Wirtschaft und nicht zuletzt auch auf dem Agrarsektor ganz andere Vorausetzungen geschaffen worden.

1922 kam ich in den Gemeinderat, und als der Bürgermeister Grebert gestorben, wurde ich erster Beigeordneter beim Bürgermeister Aulmann.

In diesen Jahren kam die Inflation. Das Geld wurde von Tag zu Tag weniger wert. Das Schmuggel und Tauschgeschäft blühte, denn fürs Geld konnte man nichts mehr bekommen. Jede Stadt und Kreis druckte Geld, das dauerte solange, bis eine Billion eine Mark wert war.

Mein Schwiegervater verkaufte in dieser Zeit für 120 Milliarden ein Paar Ochsen, weil viele Leute glaubten, jetzt hätte die Geldentwertung ihren Höhepunkt erreicht. Ich war skeptisch und so fuhr ich mit Unterstützung meines Schwiegervaters mit dem Fahrad und den Milliardenscheinen in der Tasche los.

In Himmighofen kaufte ich bei der damaligen Schlosserei Grebert für meine Schwägerin Emma ein Fahrrad. Von dem Schmiedemeister Ulmann (?) ließ ich eine einteilige eiserne Egge anfertigen. Dann fuhr ich nach Bogel und Nastätten, konnte aber überall für Geld nichts bekommen. Schließlich bekam ich dann in Oberlahnstein bei Gottwald für den Rest meines Geldes ein Sofa. Trotzdem hatte sich die Fahrt gelohnt, denn ein paar Tage später hätte ich noch keine Schnürsenkel dafür bekommen.

Bürgermeister Grebert schickte mich nach St. Goarshausen, das Lohngeld für die Holzhauer zu holen. Der stellv. Landrat Wiegand (?), Bürgermeister Schmidt (Marienfels), Bürgermeister Bonn (Kasdorf) und ich warteten bis 23:00 Uhr, bis der Kurier von Limburg her die Papierfetzen brachte! Mit meinem schweren Rucksack voll stampfte ich die Nacht den Nocherner Wingertsberg hinauf, geschwitzt nach Winterwerb.

Wenn Dattner und seine Kollegen nicht sofort etwas dafür gekauft haben, dann hatte ich mich umsonst gequält.

Nachdem ich nun das Feld alle von den einzelnen Pächtern bekam, und auch ein zweites Pferd hatte, baute ich 1928 den ersten im Gegensatz zu den Ansichten der hiesigen Bauern (?) Mais an.

1926 wurde mir das Amt als Rechner der Spar- und Darlehenskasse übertragen, welches ich bis 1945 gehabt habe. Bei der Übernahme waren blos zwei geringfügige Sparkonten vorhanden.

Bei der Kleinverkaufsstelle wurden blos Kaffee, Zucker und paar Suppenartikel verkauft. Dünger und Futtermittel wurden meistens durch den Landhandel – Gill und Strauß (Miehlen), Lang (Bogel) und Pleimes (Gemmerich) - bezogen. Von einer Genossenschaft konnte keine Rede sein. Im Einvernehmen des 1.ten Vorsitzenden Wilhelm Aulmann kaufte ich die erste Ladeneinrichtung, so daß das Geschäft auf Textilien, Meterwaren, Drogen (?) und Eisenwaren ausgedehnt werden konnte. Durch unsere Sparsamkeit und niedrige Kalkulation waren die Händler bald ausgeschaltet.

1927 machte ich bei Kammerdirektor Kurant in Wiesbaden eine Eignungsprüfung im theoretischen und bei Wintermeyer Erbenheim praktisch mit, sodaß ich Eleven halten durfte.

1928 habe ich in Darmstadt einen 14tägigen Genossenschaftskursus mitgemacht, und wurde auch gleichzeitig Mitglied des Rechnungsprüfungsausschusses beim Raifeisenverbund Ffm.

Vordem gehörten wir zur Zentralgenossenschaft Wiesbaden unter den Direktoren Celinks und Petian(?). Aber durch üble Misstände im Kredit u. Geld(?)schäft in der Verwaltung wurde sie aufgelöst und mit der Raifeisen verschmolzen. Ein Lehrer (Rechner) aus Dillenburg und ich waren von unserem Bezirk die Hauptzeugen, gegen die verantwortlichen, kreditunwürdigen Personen, das von der Zentralgenossenschaft gedultet(??) wurde

Im Herbst 1928 habe ich in Braubach Fall(Schütel)äpfel verladen. Durfte immer 50 Pfg (?) für den Zentner mehr bezahlen als die Händler Gill u Strauß. Deshalb hatte ich auch an einem Tag den Rekord von 15 Wagen.

Im Winter 1928-29 hat mein Vater und auch mein Schwiegervater geteilt. Meinerseits erhielt ich die restlichen Äcker von Marienfels und Pissighofen. Meine Frau bekam den Grundbesitz von Winterwerb und ein Rest in der Gemarkung Pissighofen.

1929 habe ich dann den Rindvieh und Schweinestall gebaut. Nur in der Karwoche war es möglich, die Ausgrabungen zu machen, denn vor und auch 14 Tage nach Ostern war es so hart gefroren, daß keine Hacke einging. Hinter dem alten Haus, wo der Stall anfängt, mußte man 4 Stufen hoch gehen, dort befand sich unser Garten. Auf der Ecke stand ein mächtiger Nußbaum. Die gute Erde haben wir in die Wiese, späteren Garten und jetzigen Garten von Ewald Wöll (Simons), gefahren. Mit der anderen Erde, cirka 2000 Karren, voll haben wir die jetzige Hühnerpferch aufgefüllt.

An dieser Arbeit, welche in 5 Tagen bewältigt wurde hat sich hauptsächlich mein Schwager Otto Sommer und fast der ganze Ort beteiligt.

Die Arbeiten und Ausschreibungen, die ich dem Maurermeister Karl Forst (Weyer) übertragen hatte, waren blos ein Ärgernis, der blos mit Sauerei sein Geld auf meine Kosten verdienen wollte, wo man ein Buch von schreiben könnte. Otto Himmighofen (Gemmerich) und ich haben gehandlangert, der ganze Mörtel, die Steine und der Beton mußten mit dem Speis(?)vogel getragen werden.

Mein Vater hatte mir einen kompletten Wagen mit Kasten und Leiter machen lassen, da unsere Wagen zu leicht und zu alt waren. Orlikowski Willi, welcher damals bei mir als Knecht war, hat in einem Tag, wenn es die Feldarbeit erlaubt hat, 3 x Sand geholt.

Die Jauchengrube im Hof haben der Pissighöfer (?) Adolf (?) und ich ausgehoben.

Jetzt kam die Frage, woher das Geld zum Bauen nehmen. So hat denn mein Schwiegervater und mein Vater mir geraten in Marienfels Äcker zu versteigern. Ich verkaufte nun cirka 10 Morgen zu einem lächerlichen Preis. Da nun die Käufer die ersten Ratenzahlungen nicht einhielten, habe ich bei der Raifeisenbank Ffm einen (?)kredit beantragt, und der Gem.Verband hat die Ratenzahlung von den Käufern eingebezogen.

Ich hatte nun Glück im Viehstall, daß ich meinen Zahlungverpflichtungen nachkommen konnte. Aber auch wieder Pech, denn ich verlor bei einer Bochumer Bausparkasse, die Konkurs machte, 1500 Mark, welche ich eingezahlt hatte. Graf Bissing von Braubach, der cirka 8-10000 Mark verlor, wir beide waren auf der Liquidations-Versammlung in Bochum.

1937-38 hat nun die Landesbauernschaft Hessen-Nassau nach dem Muster von Bayern die Großkreisbauernschaft eingeführt. So wurden die Kreise St. Goarshausen, Rheingau, Untertaunus, Obertaunus, Wiesbaden und Höchst zu einer Kreisbauernschaft zusammengeschlossen mit dem Sitz in Wiesbaden. Bei dieser Reform hat man in Wiesbaden (Hess.Nas.Süd) so wie bei allen anderen Kreisbauernschaften einen aufgeblähten Apparat aufgebaut, mit einem Stabsleiter und noch 5 – 6 hauptamtlichen Angestellten, - aber die Hauptarbeit blieb wie bisher den einzelnen Kreisen, den Bezirksbauernführern überlassen. Man hatte aber bald eingesehen, daß durch diese voreilige Reform keine Verbesserung, sondern hauptsächlich finanziell eine Verschlechterung eingetreten war. Alle übrigen Landesbauernschaften hatten diesen Unsin nicht mitgemacht!

Man hat oft erwägt, den alten Stand wieder herzustellen, aber durch die Einberufungen zum Kriesgdienst war es nicht mehr möglich.

(an dieser Stelle erfolgen ausführliche Schilderungen der Kriegserlebnisse von Adolf Clos, die hier aber weggelassen werden. Einige Anmerkungen von allegemeinerem Interesse folgen noch:)

Im Dorfgeschehen gibt es folgende Veränderungen: 1930 wurde die Wasserleitung gebaut, wo die Gräben von den Dorfbewohnern ausgehoben wurden. Aber schon Ende der 60er Jahre waren die Gussrohre schon stellenweise durchgerostet, sodaß verschiedene Häuser kein Wasser hatten. Es wurde nun beschlossen, eine neue Quelle zu erschließen und zwei neue Rohrleitungen zu verlegen, welches 1971/72 erfolgte. Es wurden nun Wasseruhren gesetzt und z.Zt. bezahlen wir für ein cbm Wasser 1,30 DM Wassergeld.

Im Jahr 1962 wurde das Dorfgemeinschaftshaus gebaut von der Firma Steeg, Ölsberg. Im Jahr 1967 wurde das Haus durch Gemeinschaftsarbeit vergrößert.

In den Jahren 1971/72 wurde im Gemeinschaftshaus für unser Kirchspiel Gottesdienst abgehalten, da unsere Kirche in Niederbachheim renoviert wurde. Z.Zt. ist Herr Pfarrer Matthes hier tätig.

1972/73 wurde das genossenschaftliche Lager umgebaut.

1976 war ein unnormales Jahr. Im Frühjahr war es kalt und trocken, sodaß das Getreide sehr spät zur Entwicklung kam und auch die Rüben, die Kartoffeln und der Mais machten schlechte Fortschritte. Im Sommer und Herbst gab es in unserer Gegend fast garkeinen Regen. Der Klee, welcher in dem Hafer gesät war, verdorrte und mußte nochmals gesät werden.

Am 1. November bin ich 80 Jahre alt geworden.

(damit enden die Aufzeichnungen von Adolf Clos, sie wurden leider (bisher) nicht weitergeführt. Die Kriegserlebnisse und allzusehr ins persönliche gehende Darstellungen wurden hier ausgelassen, dies tut dem Wert der Schilderungen von Adolf Clos jedoch keinen Abbruch. Der Familie Clos sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt, daß sie uns die Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt hat.))

          

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